DOTAN

Manchmal muss man die Inspiration an Orten suchen, die auf den ersten Blick wenig Aufregendes verheißen, wie beispielsweise das Wohnzimmer. Und zwar nicht nur das eigene, sondern auch das von völlig Fremden. So geht die Entstehungsgeschichte von ›7 Layers‹, dem magischen Album eines herausragenden Talents.

Was zunächst eher grotesk anmutet, hat allerdings einen recht plausiblen Hintergrund. »Ich leide unter großem Lampenfieber, also habe ich mich entschlossen, meine neuen Songs in anderer Leutes Wohnzimmer zu testen, vor einem Haufen komplett Unbekannter – mir fällt nichts ein, was mir mehr Angst hätte einjagen können«, gibt Dotan freimütig zu.

Kurzentschlossen postete er seine Idee auf seiner Facebook Seite und bat darum, dass man ihn einladen möge. Mit der überwältigenden Resonanz, die daraufhin über ihn hereinbrach, hätte er niemals gerechnet.

Nach über 100 Solokonzerten in vollgepackten Wohnungen und Schlafzimmern, über Hausboote, Bauernhöfe und sogar echten Burgen (!!), konnte der Singer-Songwriter wirklich bemerkenswerte Erfahrungen für sich verbuchen…»es war schon krass…manchmal, während eines besonders emotionalen Songs, fand ich mich plötzlich in einem Raum voller weinender Leute wieder….eine äußerst irre und lehrreiche Erfahrung«.

Wie bei so vielen Musikern, war auch sein Karrierestart alles andere als gerade. Im Gegenteil: Der scheue junge Mann versuchte sich zunächst an einer beruflichen Laufbahn, die andere für ihn vorgesehen hatten – man kennt das: Sicherheit, haste was, biste was, mach erstmal ne Ausbildung….Doch Dotan erinnert diese möglicherweise nur für seine Eltern sehr beruhigende Zeit anders: »Von außen betrachtet sah alles wahrscheinlich nach einer super Berufslaufbahn aus – das Problem war bloß, dass mich das alles herzlich wenig interessiert hat. Alles, was ich jemals machen wollte, seit ich mich erinnern kann, war ausschließlich Musik«. Als der Drang dazu schließlich größer wurde als seine anfängliche Unsicherheit und er den Tagesjob für die Musik aufgab, konnte er bemerkenswert schnell frühe Erfolge verbuchen. Er arbeitete mit internationalen Produzenten, nahm in London und Los Angeles auf, bekam jede Menge Airplay und spielte auf großen Bühnen. Doch mit jedem Quäntchen mehr an Erfolg, befiel ihn wieder das ungute Gefühl, mehr den Erwartungen anderer gerecht zu werden als seinen eigenen.

Die Wohnzimmerkonzerte stellten sich dabei als genau die richtige Kur für seine Zweifel heraus, und halfen ihm, sich seiner selbst wieder näher zu kommen. Sie inspirierten ihn, die ehrlichsten und persönlichsten Songs zu schreiben, die er bis dahin komponiert hatte und führten schließlich dazu, dass dabei genau das Album herauskam, das er schon immer hatte machen wollen. Aufgrund der Erfahrungen der Wohnzimmershows verlegte er den Aufnahmeraum dann auch folgerichtig in sein eigenes Wohnzimmer – und wuchs an der Herausforderung, aus den bescheidenen räumlichen Möglichkeiten soundtechnisch das größtmögliche herauszuholen, sprichwörtlich über sich hinaus. Das Ergebnis ist phänomenal, da es Größe und Rauheit auf äußerst charmante Weise vereint. Dotan entschloss sich, auch die zufällig mit aufgenommenen Verkehrs- und Straßenbahn-Geräusche auf Band zu lassen: »Es ging mir nie darum eine große, perfekte und klinische Platte aufzunehmen. All diese Sounds von außen tragen dazu bei, dass ›7 Layers‹ lebt und atmet«. Neben Wasser als textlichem Thema (Dotan hat an äußerst vielen Orten weltweit aufgenommen – und jedes Mal fiel ihm auf, wie sehr ihn das Heran- und Weg-Rollen der Wellen beruhigte), befasst sich der Titeltrack mit den sieben Schichten der menschlichen Haut, die uns schützt.

Song für Song trägt er diese Schichten ab, um schließlich bei seinem wirklichen Selbst anzugelangen – eine schöne Allegorie dessen, was er mit dieser Platte zu erreichen versuchte, eben Stück für Stück zu einer Kernaussage zu gelangen, die zu hundert Prozent ihm entsprach. So entstand ein geradezu archetypisches Singer-Songwriter Album, dessen Songs oft in klassischer Manier nur mit Dotans Stimme und Gitarre beginnen. Doch nachdem er die Basic Tracks als Fundament aufgenommen hatte, ›baute‹ er den jeweiligen Song drumherum. So entstanden dynamische, knochentrockene Songs mit teilweise nervenaufreibendem Sound. Stille trifft auf Soundausbrüche, sparsame Akustiksongs auf große Kompositionen – und Dotans Stimme und Gitarre sorgen stets dafür, dass alles zusammenhält. Experimente wurden ganz bewusst eingegangen.

»Ich habe tatsächlich nicht eine Sekunde über das mögliche kommerzielle Potential nachgedacht – ich ging ins Studio (Wohnzimmer), nahm einfach mein Album auf – und dann kam der furchtbarste Teil: Die Reaktionen abzuwarten….«

Nicht, dass er sich sorgen müsste: Natürlich wurde das Album von der Kritik gefeiert und seine Zuhörer priesen die unverstellte authentische Schönheit dieser Songsammlung. Auch kommerziell war jede Sorge unbegründet: ›7 Layers‹ landete auf Platz 2 der niederländischen Charts und hat mittlerweile Goldstatus, die erste Single ›Fall‹ bereitete den Weg für die zweite Hitsingle ›Home‹ die in Benelux Spitzenpositionen erlangte.

Nun geht es darum, diese Lieder einem neuen Publikum vorzustellen, die Gemütlichkeit der Wohnzimmer zu verlassen. Und obwohl Dotan sich selbst gern als ›Einzelgänger‹ bezeichnet, wird er für die neuen Shows eine sechsköpfige Band mitbringen, die seine ausgefeilten Kompositionen live auf ein ganz neues Level heben wird, wie viele Festivalbesucher bereits bezeugen konnten. Seine Band haucht den Liedern eine ganz neue Dynamik ein – und verlässt sich dabei keineswegs auf sicher, eingefahrene Pfade: Weit davon entfernt, ein klar abgestecktes Set zu spielen, tauschen die Bandmitglieder die Instrumente und Gesangsparts stets aufs Neue aus.

»Anders als mit einer traditionellen Band auf Tour zu gehen, in der jede seine vorarrangierten Parts runterspielt, ist es bei uns mehr so, dass wir einfach rausgehen und zusammen Musik machen – auch hier geht es wieder darum, seine Komfortzone zu verlassen«. Und genau dann ist Dotan am besten.