EAST INDIA YOUTH

East India Youth hat Anfang 2014 mit „Total Strife Forever“ eines der vielleicht besten Alben 2014 veröffentlicht, vom dem allerdings nur die Allerwenigsten Notiz genommen haben. Das Album erschien auf dem kleinen Label Stolen Recordings komplett unter dem Radar der großen Medien. Mittlerweile ist jedoch eine Menge geschehen. William Doyle, der Mann hinter East India Youth, wurde für sein Debüt-Album für den renommierten Mercury-Prize nominiert, war kurzzeitig bei britischen Buchmachern gar der Favorit auf den Gewinn und hat einen Vertrag bei XL Recordings unterschrieben.

Angefangen hat alles an einem kalten Tag im November 2012 in einem klitzekleinen Club im Londoner Stadtteil Dalston. Vor einer Handvoll Leuten spielte Doyle als East India Youth sein erstes Set auf einem in die Jahre gekommenen Macbook. An den ohnehin schon kaputten USB-Port des Rechners schloss er einen antiquierten Mixer und abgegriffenes Casio-Keyboard an, das er gerade erst für 15 Pfund bei Ebay ersteigert hatte. Seine Bühne war eine Art Camping-Tisch, der vor der Last des Equipments ständig drohte zusammenzubrechen. Für seine zweite Show suchte er sich nicht nur einen stabileren Tisch, sondern auch einen größeren Club. Nach und nach und wurde der Typ hinter dem Tisch zum Gespräch in den Szene-und Blogger-Kreisen.

Seine erste EP mit dem Namen „Hostel“ veröffentlichte er in Kooperation mit der Webpage The Quietus im März 2013. Danach schrieb er weiteres Material für sein erstes Album, das dann gleich zu Beginn des Jahres 2014 veröffentlicht wurde. Er ging auf Tour mit den New Puritans und machte seinen geliebten Tisch festivaltauglich. Sechs Kartons Apfelsaft und reichlich Gaffa-Tape sollten dem fragilen Gebilde die nötige Stabilität für die strapaziöse Festival-Saison verleihen. Wo andere Künstler Whiskey und geweihtes Mineralwasser auf ihrem Rider stehen haben, verlangte East India Youth fortan lediglich nach sechs Kisten Apfelsaft und einer Rolle Gaffa.

Im November 2014, fast genau zwei Jahre nach seiner allersten Show, spielt er seine bis dato größte Londoner Show im legendären Nachtclub Heaven. Nachdem er sich nahezu den kompletten Abend hinter seinem Tisch voller elektronischer Gadgets versteckt hatte, tritt er zu seinem neuen Song „Carousel“ zum ersten Mal ins grelle Licht der Scheinwerfer. „Carousel“ ist eine herzbrechende Elektro-Ballade und einer der zentralen Tracks seines neuen Albums „Culture Of Volume“. Was als Show eines elektronischen Anchormans hinter einem Tisch anfing, endete mit einem strahlenden Moment. Er verließ die Bühne als echter Frontmann. Im Nachhinein einer der wichtigsten Karrieremomente für den mittlerweile 24-jährigen Briten. „Durch meine Live-Shows begriff ich irgendwann, dass ich mich mehr ins Zentrum der Performance stellen musste. Ich versteckte mich zwei Jahre hinter dem Tisch, aber die Tracks des neuen Albums verlangten nach einer neuen und kraftvolleren Darbietung. Deshalb trat ich hervor und tat etwas, was ich bis dahin noch nie getan hatte: ich stellte mich an den vorderen Bühnenrand mitten ins Scheinwerferlicht.“

„Culture Of Volume“ ist viel mehr ein Pop-Album als es „Total Strife Forever“ noch war. „Eine ganze Weile fühlte ich mich mit dem Gedanken nicht so recht wohl, ein Pop-Album zu machen. Aber irgendwann begriff ich, dass es das ist, was ich machen wollte. Die Musik wurde ein großer Teil von mir und ich ein Teil von ihr.“ Der Name des Albums leitet sich von einem Gedicht von Rick Holland ab, einem langjährigen Mitarbeiter von Brian Eno. Aufgenommen und geschrieben hat er es, wie auch schon den Vorgänger, bei ihm zu Hause und ohne ein großes Studio. Der Opener „The Juddering“ wurde David Bowies „Station To Station“ und „Zuckerzeit“ von den Düsseldorfer Krautrock-Pionieren Cluster inspiriert. „Beaming Lights“ mit seinem Pet Shop Boys-Referenzen ist ein wunderschönes Stück Pop-Musik, das schließlich in die opulenten Soundlandschaften vom „Turn Away“ fließt. Das Herzstück des Albums ist aber „Carousel“ ein geradezu sehnsüchtiger Song voller Seele und elektronischer Anmut.

„Culture Of Volume“ wirkt wie ein Vinyl-Regal in dem neben den Pet Shop Boys, Neu!, Kraftwerk, Brian Eno und dem Yellow Magic Orchestra auch alte Platten von Scott Walker stehen. East India Youth vereint auf seinem zweiten Album all diese musikalischen Einflüsse zu etwas Neuem und kreiert so seinen durch und durch eigenständigen Sound. „Ich habe versucht Dinge zusammenzufügen, die auf den ersten Blick nicht zueinander passen. Das ganze Album besteht aus solchen Verbindungen. Ich wollte einfach sehen was passiert“. Das Resultat ist berauschendes Elektro-Pop-Album oder William Doyle zu zitieren: „The end result is not what was in my mind“.